Ich habe ein echtes Netflix-Meisterwerk gesehen: Es ist ein 164-Minüter von einem Regisseur, der nach 8 Jahren endlich zurück ist

Spät in Possible Love gibt es eine Szene mit einer Art Piss-Duell. Der Schweißer Ho-seok steht betrunken im Badezimmer eines luxuriösen Landhauses und sein Urinstrahl trifft zunächst das dafür vorgesehene Porzellan. Dann schwenkt er rüber zum Teppich. Nach einer Pirouette entleert sich der Mann in die Badewanne, die vermutlich mehr gekostet hat als sein Auto.
Es ist ein Moment zwischen Entgleisung und Auflehnung; peinlich, aber irgendwie respektabel. Ho-seok hat durch das Zutun reicher Landhausbesitzer viel gelitten. Er hat sich diesen flüssigen Mittelfinger verdient. Dann erscheint der verdutzte Eigentümer im Badezimmer, stellt sich zu seinem Gast an die Badewanne und macht mit. Er kichert – der Tonfall ein Mix aus Schuljunge und Serienkiller –, aber zu lachen gibt es nichts mehr in dem großartigen Netflix-Film, mit dem sich Lee Chang-dong nach acht Jahren zurückmeldet.
Der Netflix-Film Possible Love greift ähnliche Themen wie Squid Game und Parasite auf
Der 164-Minüter ist Lee Chang-dongs erster Film für den Streamer und markiert seine lang erwartete Rückkehr nach dem gefeierten Thriller-Drama Burning (2018). Lee thematisiert erneut Klassenunterschiede, diesmal situiert in einer wesentlich konkreteren Vision der Arbeitswelt. Das Ergebnis ist der fraglos beste Netflix-Film des Jahres, und ich bin mir bewusst, dass die Konkurrenz um diesen Titel eher beschränkt ist. Aber Possible Love ist ein Meisterwerk, das eigentlich ins Kino gehört. Wir alle sollten jede der niederschmetternden oder erlösenden Wendungen im Gesicht der wunderbaren Hauptdarstellerin Jeon Do-yeon auf einer möglichst großen Leinwand genießen.
Wie schon in Burning arrangiert Lee eine kleine Figurengruppe, um anhand der geduldigen Charakterbildung Rückschlüsse auf das große Ganze zu ziehen, das die südkoreanische Gesellschaft – je nachdem, welche Steuerklasse man befragt – zersetzt oder vorantreibt.
Wir haben hier also erneut einen gesellschaftskritischen Klassenkommentar aus dem Land von Parasite, Squid Game und No Other Choice vor uns. Possible Love hat mit diesen Werken (und mit Burning) etwas gemeinsam, das die Popularität der südkoreanischen Klassenkämpfe erklärt: So spezifisch koreanisch die Situation auch ist, in der sich das Figurenquartett aus Possible Love wiederfindet, so universell verständlich sind die Leidenschaften, Begierden und Ängste, die aus den finanziellen Zwängen erwachsen.
Auf der einen Seite der Klassenkluft treffen wir den Schweißer Ho-seok (Sol Kyung-gu), der seit seiner Beteiligung an einem Streik arbeitslos und psychisch gebrochen ist. Seine Frau Mi-ok (Jeon Do-yeon aus Secret Sunshine) lässt sich davon nicht unterkriegen. Die nervöse Energie von Jeons herausragender Darstellung treibt den Film an. Mi-oks zartbesaitete, unverstellte Art veranlasst einen immer wieder dazu, sie zu unterschätzen – aber bitte auf eigene Gefahr!
Bei einer Trauerveranstaltung treffen die beiden den erwähnten Landhausbesitzer. Sang-woo (Zo In-sung) ist ein vermögender Firmenerbe, leicht wie eine Feder, aber seltsam undurchdringlich. Seine nahbare Ehefrau Ye-ji (Jo Yeo-jeong aus Parasite) versucht sich als Regisseurin. Sie dreht einen gut gemeinten Dokumentarfilm über die prekäre Situation von Arbeitern. Der schweigsame Ho-seok könnte das Herzstück ihrer Interviews werden.
Mehr vom Filmfestival in Venedig:
- John Malkovich auf Oscar-Kurs in Wild Horse Nine
- Danny Boyles 28 Years Later-Nachfolger Ink im Film-Check
Ein süßer Hund drückt in Possible Love mehr aus als tausend Worte
Das Gebot "Du sollst nicht begehren" ist dem Film vorangestellt, aber ein Geflecht von Begierden durchzieht Possible Love. Die Dokumentarfilmerin will unbedingt das Interview mit Ho-seok ergattern und freundet sich deswegen mit dessen Ehefrau an. Jene Ehefrau fühlt sich wiederum zum porschefahrenden Sang-woo hingezogen. Eine Anziehung, die auf Gegenseitigkeit beruht. Nur der Schweißer scheint erstarrt; eine stille, vor sich hin blutende Wunde, die niemand behandeln kann außer ihm selbst.
Während Filme wie Burning und Parasite mit Thriller-Elementen aufwarten, lebt Possible Love von einem geradezu anthropologisch genauen Interesse an seinem Figurenkabinett. Ich denke noch einen Tag später an den Labrador auf dem Rücksitz der Filmemacherin.
Der Hund ist zunächst nur ein Zeichen des Reichtums – genau wie die Designertasche, mit der sie einigermaßen ignorant bei einer Arbeitervereinigung aufkreuzt. Das Bild vom Rücksitz wird jedoch mehrfach gespiegelt. Bei dem einen Paar sitzt da der perfekt abgerichtete Labrador. Beim anderen Paar schaut der kleine Sohn mit neugierigen Augen auf seine gemarterten Eltern.
Mit solchen genau beobachteten vermeintlichen Kleinigkeiten werden in Possible Love die Obsessionen auf den Punkt gebracht: die Sehnsucht nach Kontrolle zum Beispiel, die Sang-woo und Ye-ji mit ihrer Kamera, mit ihrem Labrador, ihrem Landhaus, ihrem Porsche, ihrer Designertasche und mit ihrer enervierenden Freundlichkeit ausstrahlen.
Ich habe Possible Love beim diesjährigen Filmfestival in Venedig gesehen. In Deutschland wird der Film bei Netflix erscheinen.
Diesen Artikel teilen:
Weitere Beiträge
06.09.2026Er ist in Deadpool 2 eine ganze Minute lang im Bild, aber niemand hat den Hollywood-Superstar erkannt
06.09.2026Sommerhaus der Stars-Kandidat teilt trauriges Schicksal: Er musste vor fünf Jahren schweren Verlust ertragen
06.09.2026Bill und Tom überraschen in Netflix-Show mit drastischer Promi-Aktion: Warum eine ZDF-Ikone sich für immer an diesen Tag erinnern wird
