Heute vor 99 Jahren kam der Film, der Hollywood für immer verändert hat

Lange Zeit prägte der Stummfilm das Kino. Musik wurde live vor Ort gespielt, während Dialoge durch Zwischentitel zum Leben erwachten – mit minimaler Verzögerung zur konkreten Bebilderung des Ganzen. Doch was passiert, wenn plötzlich jemand auf der Leinwand seinen Mund öffnet und direkt in den Saal hineinspricht?
Das Publikum war aus dem Häuschen.
Als Der Jazzsänger am 6. Oktober 1927 seine Premiere feierte, ahnten die wenigsten Menschen, dass die Traumfabrik danach nie wieder dieselbe sein würde. Obwohl das von Alan Crosland inszenierte Drama genau genommen nicht der erste Tonfilm ist, ging es als publikumswirksamer Katalysator in die Filmgeschichte ein.
Der Jazzsänger macht den Tonfilm salonfähig
Erzählt wird von dem aufstrebenden Sänger Jakie Rabinowitz (Al Jolson), seines Zeichens Sohn eines jüdischen Kantors. Hin- und hergerissen zwischen Tradition und Moderne würde er am liebsten mit Jazz und Ragtime die großen Bühnen des Broadway erobern, müsste dafür aber mit seinem konservativen Vater brechen.
Bleibt Jakie seiner Familie treu oder findet er den Mut, um seinen eigenen Weg zu gehen? Aus der universellen Fragestellung von Der Jazzsänger entwickelt sich eine dramatische Geschichte, die damals nicht nur im Kino fesselte, sondern Hollywood selbst an einen Scheideweg führte und Richtung Talkies schubste.
Zwar funktioniert Der Jazzsänger überwiegend nach den Regeln und Gesetzen des Stummfilms. Ein paar wenige Minuten direkt gesprochener Dialog, Soundschnipsel und die Darbietung mehrerer Musiknummern lösten jedoch einen Sturm aus, der das Kino für immer veränderte. Entstanden ist der Film mit Vitaphone von Warner Bros.
Gesang und Dialog via Vitaphone und Schallplatte
Bei Vitaphone handelt es sich um ein Verfahren, um Film und Ton synchron zusammenzuführen. Am Filmstreifen wurde also vorerst nichts verändert. Die Tonspur kam separat über eine Schallplatte. Um die Synchronität bei der Vorführung zu gewährleisten, wurden Filmprojektor und Plattenspieler mechanisch miteinander gekoppelt.
Wie ihr euch vorstellen könnt, war das System sehr anfällig für Probleme. Schallplatten verkratzen leicht und nutzen sich ab. Und wenn die Mechanik nicht präzise eingestellt war, kam es zu Verzögerungen zwischen Bild und Ton. Später brachten Movietone von Fox und Photophone von RCA die optische Tonspur direkt auf den Filmstreifen.
Davor befeuert Der Jazzsänger die Nachfrage. Das Publikum wollte sofort mehr von dieser Attraktion. Der Erfolg der Adaption des gleichnamigen Theaterstücks aus dem Jahr 1925, das wiederum auf der Kurzgeschichte The Day of Atonement basierte, sorgte für ein massives Umdenken in Hollywood und der weltweiten Filmindustrie.
Der Jazzsänger hat Hollywood für immer verändert
Dennoch herrschte Skepsis, vor allem bei Stummfilmstars, die um ihre Jobs fürchteten, wie der Oscar-Gewinner The Artist zeigt. Die Studios folgten aber den Zeichen der Zeit. Im Grunde nahm die berühmteste Szene aus Der Jazzsänger diese Entwicklung vorweg. Zwischen zwei Liedern wendet sich der Protagonist ans Publikum und erklärt:
Wait a minute, wait a minute! … You ain't heard nothin' yet!
Der Jazzsänger markiert den kommerziellen Durchbruch des Tonfilms. Zudem ist der Film ein interessantes Zeitdokument im Hinblick auf die jüdisch-US-amerikanische Identitätsgeschichte und die Parallelen zu Al Jolsons Werdegang. Die im Film dargestellte Blackface-Tradition ist aus heutiger Perspektive kritisch einzuordnen.
Bei der Oscarverleihung 1929 erhielt Der Jassänger einen Ehrenoscar als wegweisende Produktion. 67 Jahre später wurde er in das National Film Registry aufgenommen, in dem kulturell, historisch oder ästhetisch bedeutende Werke gesammelt werden. Ein technischer Meilenstein und Teil einer der größten Kinorevolutionen.
Kein Wunder, dass sogar zwei Remakes erschienen sind. 1952 nahm sich Casablanca-Regisseur Michael Curtiz der Geschichte an und erzählte eine neue Version mit Danny Thomas und Peggy Lee. 1980 probierte sich Richard Fleischer an dem Stoff und holte sich Stars wie Neil Diamond, Laurence Olivier sowie Lucie Arnaz heran.
Keiner der Filme konnte filmhistorisch bleibenden Eindruck hinterlassen.
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